Franziskanisch inspirierte Frauen

Zwischen Gebet, Reform und sozialem Dienst: franziskanisch inspirierte Frauen in den Umbrüchen ihrer Zeit, hg. von Michaela Sohn-Kronthaler, Willibald Hopfgartner OFM, Paul Zahner OFM; unter Mitarbeit von Stephanie Glück (Theologie im kulturellen Dialog 29, Innsbruck-Wien 2015), ISBN 978-3-7022-3392-1, 314 Seiten, 27,- €

Im Oktober 2013 veranstalteten die Katholisch-Theologische Fakultät der Universität Graz und die Franziskanerprovinz Austria ein internationales Symposium, dessen Ergebnisse nun in diesem Tagungsband vorliegen. Enthalten sind 14 Beiträge, die Geschichte und Spiritualität von Klarissen, Franziskanerinnen, Elisabethinen, franziskanischen Frauenkongregationen und Terziarinnen behandeln.
Die ersten sechs Aufsätze widmen sich dem 13. bis 16. Jahrhundert. Adriana Valerio (Neapel) und Theresia Heimerl (Graz) fragen nach einer spezifisch weiblichen Spiritualität, Mystik und Treue zum franziskanischen Erbe im Kontext mittelalterlicher Kirchenpolitik und Liebesmystik. Susanne Ernst (Salzburg) und Barbara Henze (Freiburg im Breisgau) bieten jeweils Studien zu franziskanischen Ordensfrauen im Umbruch von Mittelalter und Neuzeit, die literarische Selbstzeugnisse ihrer Glaubenssuche, ihrer Erfahrungen in Kontemplation und Gebet und in Auseinandersetzung mit den neuen Lehren der Reformation hinterlassen haben. Paul Zahner OFM (Graz) bringt eine fundierte Darstellung der Ausformung der Normen und Regelungen des Klarissenordens. Harald Wolter von dem Knesebeck (Bonn) untersucht die Landgrafenpsalterien aus dem Familienbesitz Elisabeths von Thüringen als Quelle weiblicher Frömmigkeit.
Der Beitrag von Bonaventura Holzmann OSE (Graz) zur Gründungsgeschichte der Grazer Elisabethinen behandelt als einziger das 17. Jahrhundert. Die weiteren fünf Beiträge vertiefen Fragestellungen über franziskanische Frauenkongregationen im 19. Jahrhundert. Michaela-Sohn-Kronthaler (Graz) legt dazu eine ausführliche Beschreibung und Forschungsdiskussion vor und stellt die Entwicklung der Frauengemeinschaften in der Diözese Graz dar. Die Beiträge von Paul Zahner OFM und Katharina Ganz OSF (Oberzell/Würzburg) sind Studien zu zwei Ordensfrauen im sozialen und missionarischen Apostolat. Markus Ries (Luzern) geht der Gründungsgeschichte der Kreuzschwestern nach.
Gisela Fleckenstein OFS (Köln) gibt eine instruierte Darstellung zur Entwicklung der Dritten Orden des hl. Franziskus vom 19. Jahrhundert bis nach dem 2. Vatikanischen Konzil. Willibald Hopfgartner OFM (Graz) behandelt die franziskanische Mystik von Simone Weil und Rebeka Anić SSFCR (Split) gibt einen „Zeitzeugenbericht“ über die „Franziskanerinnen in der Männerkirche“ in Kroatien.
Die Geschichte der geistlichen Frauengemeinschaften ist in zahlreichen Aspekten noch immer Desiderat, umso mehr ist dieses Buch zu begrüßen. Es wagt sich auch an die schwierige Frage einer spezifisch weiblichen Religiosität heran und diskutiert die besonders in der mediävistischen und zeithistorischen Forschung konstatierte Feminisierung des Glaubens im Hoch- und Spätmittelalter und in den katholischen Milieus im industriellen Zeitalter. Hieraus erklären sich auch die zeitlichen Schwerpunkte in den Beiträgen. Die Darstellung normativer Entwicklungen und die Vertiefung in biographischen Studien binden die historische und theologische Interpretation an das konkrete Frauenordensleben an. So entstand ein sehr vielfältiges Buch, das ganz den Charakter eines Symposiums behalten hat: Fragestellungen werden vertieft, neu gestellt und in die Diskussion eingebracht. Das Ergebnis ist gleichzeitig bereichernd und anregend. Dass die Ordensfrauen mehr als Gegenstand des Diskurses vertreten sind denn als aktive TeilnehmerInnen ist leider ein gewohntes Bild in der Ordensforschung. Der Blick in die Vergangenheit, den dieses Buch öffnet, zeigt, dass dem nicht immer so war.

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