Ein Geschichtsprofessor aus Melk

P. Wilfried Kowarik

Am 21. März 2016 trug der Melker Stiftsarchivar P. Wilfried Kowarik im Dietmayrsaal des Stiftes über einen seiner berühmten Mitbrüder, den Historiker und Geschichtsprofessor P. Hugo Hantsch, vor. Sein Leben, seine Forschungsauffassungen und seine Persönlichkeit stellte er anhand der überlieferten archivischen Quellen dar. Der Nachlass befindet sich im Stiftsarchiv Melk, einiges ist auch im Archiv der Republik und kam vermutlich über den Melker Hof in Wien dorthin.
Für die Eckdaten der Biografie von Hugo Hantsch können die Dokumente wie Geburtsurkunde und Zeugnisse herangezogen werden. Geboren wurde er 1895 im deutsch-böhmischen Teplitz, studiert hat er in Prag, Innsbruck und Wien. In Melk eingetreten ist er 1913. Er starb 1975.
Sein Lebensweg lässt sich gut anhand seiner Tagebuchaufzeichnungen rekonstruieren. Er zweifelte immer wieder an seiner Berufung, seine Mutter jedoch war hier die treibende Kraft. Sein Onkel war zu jener Zeit Abt von Melk. Seinen Taufnamen durfte er bei der Einkleidung behalten. Den ersten Weltkrieg erlebte Frater Hugo als Student. In Wien studierte er bei Heinrich von Srbik, dieser stand für eine gesamtdeutsche Geschichtsauffassung und sollte später den „Anschluß“ begrüßen.
Die wissenschaftlichen Publikationen von Hugo Hantsch sind Zeugnisse der Entwicklung des Geschichtsforschers. Er hat sich gründlich mit der Frage der Reichsidee auseinandergesetzt und entwickelte schließlich eine eigene Geschichtsauffassung über die Habsburgermonarchie. Zu seinen ersten großen Publikationen als Historiker gehörte das Werk über die Entwicklung Österreich-Ungarns zur Großmacht, das 1933 erschien. Hantsch wurde habilitiert und begann eine Lehrtätigkeit in Wien. Dem Ständestaat zugeneigt, wie damals viele Kleriker, übernahm er den Vorsitz in dem von Dollfuß gegründeten Verband der Auslandsdeutschen. Er kritisierte dort den stärker werdenden Einfluss der Nationalsozialisten, deren Geschichtsauffassung und Ideologien von Volk und Rasse er strikt ablehnte. 1935 wurde er an die Universität Graz berufen, wo er zur Stärkung des Österreich-Patriotismus eine Vorlesung über die Österreichische Geschichte zu halten hatte. Gegenüber dem nationalsozialistischen Anschlussgedanken betonte er die Selbstständigkeit des Donauraums und dessen geschichtliche Ursachen. Nach dem „Anschluß“ wurde er sofort entlassen, eine Lehrtätigkeit wurde ihm verboten. Ein Jahr lang, 1938/39, war er in Haft. Nach seiner Entlassung entsendete das Stift Hugo Hantsch als Pfarrer in die Weinviertler Stiftspfarre Ravelsbach, wo er bis nach Kriegsende blieb.
Eine Quelle über seine Auffassungen zum Zeitgeschehen ist die Pfarrchronik, in der er die Ereignisse aufzeichnete und kommentierte.
Einblicke in seine privaten Ansichten und seine persönlichen Befindlichkeiten liefert auch seine Korrespondenz mit Familie und Freunden. Als nach dem Krieg die Sudetendeutschen aus der Tschechoslowakei vertrieben wurden, versuchte er, seiner Familie zu helfen. Seine Mutter und Schwester starben bei der Flucht, ein Ereignis, das Pater Hugo verschlossen und zurückhaltend gemacht hat.
1946 wird er an die Universität Graz zurückberufen, 1947 wechselte er an die Universität Wien. Eine schillernde Quelle für die Aufnahme in Wien sind Zeitungsausschnitte, die sich mit seiner neuen Professur beschäftigten. Er wurde beschuldigt, als Schüler Srbiks ein Großdeutscher und Nazi gewesen zu sein. Die Sozialisten wiederum kritisierten die Klerikalisierung der Fakultät und dass Hantsch ein Aktivist des Ständestaats gewesen sei. Aus den kirchlichen Medien kam Zustimmung. Briefe an Freunde zeigen, dass die mediale Auseinandersetzung den Geschichtsprofessor aus Melk sehr betroffen machte.
Seine Antrittsvorlesung beschäftigte sich mit der Geschichte Österreichs als Sinnstiftung und Herausforderung im Anblick der Geschichte des 20. Jahrhunderts. Für Hantsch hatte die Habsburgermonarchie das Potential zum Friedensreich für Europa, das es aufgrund der „panslawistischen Verschwörung“ nicht einlösen konnte und das schließlich 1918 seine „Zweckrichtigkeit“ verlor.
Es gibt auch schriftliche Erinnerungen von Studierenden an Professor Hantsch. Er galt als unnahbar, war kaum an seinem Institut anzutreffen, seine Seminare waren sehr exklusiv und bei Examen war er „hart und gerecht“. Seine zweibändige „Geschichte Österreichs“, erschienen 1947 und 1949, war Pflichtlektüre für jeden Geschichtsstudenten und das Standardwerk seiner Zeit. Veränderungen betrachtete Hugo Hantsch mit Skepsis, dem 2. Vatikanischen Konzil gegenüber blieb er distanziert, den Studentenunruhen von 1968 konnte er nichts Positives abgewinnen.
Als Quelle zum Leben von P. Hugo Hantsch auch als Priester dienen zahlreiche Fotografien, die ihn bei liturgischen Anlässen im Stift oder in der Pfarre Ravelsbach zeigen. P. Wilfried zeigte bei seinem Vortrag einige fotografische Raritäten aus dem Stiftsarchiv. Sein Vortrag war sehr spannend: Entlang der archivischen Quellen erzählte er vom Leben des legendären Geschichtsprofessors, der in einer bewegten Zeit um eine neue Geschichtsauffassung über seine Heimat gerungen hat, anschaulich und anrührend.

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